Erster Baltischer Jugend- und Studentenkongress
in Deutschland
25. bis 28. November 2008 bei und in Lüneburg

Thema: 
"Das Baltikum im Europa des 21. Jahrhunderts
- Voneinander lernen"


Begegnungen auf den Spuren der Hanse
(s.a. BALTISCHE BRIEFE, Nr. 11(721), November 2008, Seite 21)

Von Thomas v. Lüpke

Voneinander lernen - unter diesem Motto stand der erste Baltische Jugend- und Studentenkongress in Deutschland, zum Thema "Das Baltikum im Europa des 21. Jahrhunderts" vom 25. bis 28. September 2008 bei und in Lüneburg. Schirmherr war Ministerpräsident Christian Wulf.

Junge Menschen anzuregen, über Vergangenheit und Zukunft im Nord­osten Europas nachzudenken und zu diskutieren, aber auch ausreichend Platz für persönliche Kontakte zu lassen, war das Anliegen der Veranstalter. Die 65 Teilnehmer und Re­ferenten kamen aus Estland und Lettland, davon einige russischer Abstammung, sowie aus Deutschland, davon etwa die Hälfte mit familiären Wurzeln im Baltikum. Die Offenheit und das Interesse der Teilnehmer bestätigten, dass gerade ein Jugendkongress eine geeignete Plattform ist, Verständnis für das Gemeinsame zu wecken, ohne das Trennende außer Acht zu lassen. Früh einsetzendes Wissen dieser Entscheidungsträger von morgen um die Bedürfnisse, Ängste und Hoffnungen der Menschen in den verschiedenen Ländern ist der beste Garant für eine positive, gemeinschaftliche Entwicklung in Europa.

Donnerstag und Freitag arbeiteten die Teilnehmer nach inspirierenden Impulsreferaten von Eckart Herold, Deutscher Botschafter in Riga 2001 bis 2005, Dr. Kalev Kukk, Berater des Ministerpräsidenten Estlands, und Dr. Kai-Olaf Lang, Stiftung Wissenschaft und Politik, in Workshops unter der Leitung von Detlef Henning, M.A., Diplomvolkswirt Thomas v. Lüpke und Prof. Dr. Christian v. Hirschhausen.

Am Samstagvormittag hatte Lüneburgs Oberbürgermeister Mädge, dem die Partnerschaft zwischen Lüneburg und Dorpat (estnisch: Tartu) sowie die Zusammenarbeit mit der Carl-Schirren-Gesellschaft wesentliche Anliegen sind, die Teilnehmer des Kongresses zu einem Empfang geladen. Die anschließende Stadtführung zeigte die Hansestadt Lüneburg bei bestem Wetter.

Die Stunde der jungen Generation, traditionell ein zentraler Bestandteil der Deutschbaltischen Kulturtage, gab am Nachmittag die Gelegenheit, einem erfreulich großen Publikum die Ergebnisse des Kongresses vorzustellen. In seiner Einleitung zeigte Detlef Henning am Beispiel der Professoren Hahn, Meissner und Loeber, die sich in Deutschland erfolgreich für die Nichtanerkennung der russischen Annexion der baltischen Länder engagierten, auf, dass die deutschbaltische Geschichte nicht 1939 endete, vor allem nicht die deutsch-baltische. Damals wie heute sei es wichtig, daran mitzuwirken, dass nicht noch einmal große Staaten über den Kopf der kleinen hinweg Entscheidungen treffen, wie beim Abschluss des Hitler-Stalin-Paktes. Das Besondere am Kontakt Deutschlands mit den baltischen Staaten sei, dass es kein Kontakt zweier Staaten, wie sonst üblich, sondern immer ein multilateraler, sei.

Im Anschluss trugen sechs Teilnehmer des Kongresses jeweils zu zweit ihre Ergebnisse vor. Auffällig war, dass auch diese junge Generation, die die Sowjetunion nicht mehr bewusst erlebt hat, den Einfluss Russlands und die latente Bedrohung der baltischen Freiheit ständig im Blick hat. Im Bereich Geschichte artikulierten sich Auseinandersetzung und Verständigung mit der großen russischen Minderheit in Fragen wie "Wer schreibt Geschichte?" und "Gibt es einen geschichtlichen Mittelweg?". Dabei ging es den Jugendlichen nicht um einen rein wissenschaftlichen, sondern vor allem um einen pragmatischen Ansatz in Bezug auf künftige Völkerverständigung. Noch prägnanter wurde die allgegenwärtige russische Präsenz im Bereich Geopolitik in den Arbeitsgruppenthemen zur Ostseepipeline aus baltischer wie aus westeuropäischer Perspektive. Vor dem Hintergrund der jüngsten Ereignisse in Georgien zeigte sich, wie skeptisch und doch hoffnungsbereit junge Balten ihre Situation in Europa beurteilen. Erfreulich war die Solidarität der deutschen Teilnehmer. Sehr engagiert und selbstbewusst präsentierte sich die Arbeitsgruppe im Bereich Wirtschaft "Voneinander lernen: Was können Estland und Lettland besser als der Rest der EU?". Estland liegt im Bereich der Internet-Nutzung in Europa im vorderen Bereich. Als kleine und junge Nation haben die Esten die Chance, besonders veränderungsbereit zu sein. Mit großem Interesse lauschten die Zuhörer den Ausführungen der jungen Redner und es entspann sich ein reger Austausch zwischen den Generationen.

Mit dem glanzvollen Ball in Adendorf, einem sehr schönen Festakt am Sonntagvormittag, der Einführung in die Geschichte des Brömsehauses und in die dort ausgestellten Erwerbungen der CSG durch Renate Adolphi und Dr. Irene v. zur Mühlen, dem Schlussplenum des Kongresses und der Andacht mit Orgelmusik in der St. Johanniskirche mit einer eindrucksvollen Predigt von Superintendent i.R. Dr. Heinrich Wittram ging der Kongress zu Ende.

Aus einer Gruppe junger Menschen wurde in nur wenigen Tagen eine Gemeinschaft, die sich auch von langen Tagen intensiver wissenschaftlicher Arbeit nicht abhalten ließ, bis tief in die Nacht gemeinsam zu singen. Hilfreich war dabei das von Martin Pabst eigens für den Kongress angefertigte Liederbuch, das Texte ,in deutscher, estnischer, lettischer, russischer und englischer Sprache enthielt. Besonders hervorgehoben seien hier auch die ausgezeichneten Deutschkenntnisse der ausländi­schen Teilnehmer. Unerwähnt bleiben sollen aber auch nicht die überwältigende Hilfsbereitschaft bei Vorbereitung und Durchführung und die großzügige finanzielle Förderung (Details unter www.baltischer-kongress.de ).

Ein besonderer Dank gilt Tatjana Vollers, die die didaktische und organisatorische Leitung innehatte. Die überwältigend positive Resonanz der Teilnehmer und das große öffentliche Interesse am Baltischen Jugend- und Studentenkongress 2008 bestätigt die Veranstalter, hier keine Eintagsfliege positioniert zu haben. Geplant sind für 2009 ein vierzehntägiger Sommerkurs und 2010 wieder ein Kongress. Das Zustandekommen dieses Kongresses geht auch zurück auf die Initiative der Gründerin und langjährigen Vorsitzenden des DBAE, Ursula Lyra. Entstehen soll ein Deutsch-Baltisches Jugendwerk, das der Auseinandersetzung mit Vergangenheit und Zukunft im Nordosten Europas dauerhaft Raum geben und Motor für Begegnungen auf den Spuren der Hanse sein will.