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Bericht über das 20. Baltische Seminar 2008 Jugendstil
im Baltikum Vom
14. bis 16. November 2008 fand im Brömsehaus in
Lüneburg das 20. von der Carl-Schirren-Gesellschaft veranstaltete Seminar
statt. Thema war diesmal "Jugendstil im Baltikum". Rund 50
Teilnehmer wohnten der dreitägigen Vortragsreihe mit Fachleuten aus
Estland, Lettland, Litauen und Deutschland bei. Nach
Vorstellung der Referenten wurde von mir, als wissenschaftlichem Leiter der
Tagung, in einem Eingangsreferat ein Überblick der Entwicklung des
Jugendstils von 1890 bis etwa 1910 gegeben. Beispiele aus Belgien,
Frankreich, Spanien, Großbritannien, Deutschland, Amerika, Russland,
Finnland bis hin zu jenen aus dem Baltikum verdeutlichten dies. Im zweiten
Vortrag referierte Prof. Michael Garleft aus
Oldenburg über die politische Situation in den russischen Ostseeprovinzen
von 1880 bis 1914. Drei Themenbereiche, die Agrarfrage, die
estnisch-lettische Befreiung und die Russifizierung
dieser Provinzen standen im Mittelpunkt seiner Betrachtungen. Die
Industriemetropole Riga mit 145 Fabriken im Jahr 1914, sowie Reval als
zweitgrößter Importhafen Russlands spielten dabei eine wichtige Rolle. Die
1893 umbenannte Universitätsstadt Dorpat in Jurjew,
deren Hochschule vor der Russifizierung von etwa
100 Studenten besucht wurde, hatte danach über 1.000 Studenten. Diese
russischsprachige Hochschule erhielt dadurch einen ganz anderen Charakter.
Die Esten zeigten in ihrem Befreiungsstreben
mehr nationalistische, die Letten mehr sozialistische Tendenzen. Durch
die Ereignisse der Revolution von 1905 kamen 82 Gutsbesitzer und Pastoren
ums Leben. Insgesamt wurden 184 Herrenhäuser zerstört. In dieser Zeit
entwickelte sich kulturell und ethnisch ein starker Wandel in den Städten
des Baltikums. Prof.
Eduards Klavins von der Rigaer Akademie sprach
über die lettische Porträtmalerei im Jugendstil. Statt. einer
realistischen Wiedergabe der Personen entwickelte sich eine jmpressive
Darstellung der jeweiligen Persönlichkeiten. Der führende Porträtist
jener Zeit war Jan Rosenthal. Damit endete der erste Tag des Seminars. Am nächsten
Morgen begann der Vortragszyklus mit einem Beitrag von Prof. Rasute
Zukiene aus Kaunas. Sie sprach über den Maler
und Komponisten M. K. Ciurlionis. Dieser hatte
in seinen symbolistisch-bildnerischen Werken Mensch und Natur, später
besonders die Schöpfung der Welt, mit seinen musikalischen Vorstellungen
gestalterisch verbunden. Es sind ca. 300 Werke dieses Künstlers bekannt,
die überwiegend in Kaunas, daneben in Warschau, St. Petersburg und in
Holland aufbewahrt werden. Kristiana
Abele von der Rigaer Akademie sprach über lettische Maler des Jugendstils,
die Freilichtmalerei und symbolistisches Naturerlebnis miteinander
verbanden. Zu nennen sind die Maler Wilhelm Purwits,
Jan Rosenthal, Jan Walter-Kurau und Peter Krastinsch.
Die aus Kiel stammende Doktorandin Birthe Möller stellte den bedeutendsten,
lettischen Maler jener Zeit vor: Jan RosenthaI.
Seine vielen vom Impressionismus geprägten Bildnisse. aber auch
Darstellungen der Landschaft und Volksbräuche zeigen ein Bild eines stark
wandlungsfähigen Malers, Zeichners und Grafikers, der im regen Austausch
mit vielen künstlerischen Kollegen stand. Die nächste
Vortragende, Agrita Tipane,
arbeitet im neu entstandenen Jugendstil-Zentrum in Riga. Sie untergliederte
die prägende Architektur in Riga in drei Phasen. Diese bestehen aus einem
dekorativen, eklektizistischen Jugendstil von 1900 bis 1905, einer
national-romantischen Phase von 1905 bis 1911 und einem durch die Betonung
der Vertikalen bestimmten Jugendstil, der bis zum Ausbruch des Ersten
Weltkrieges reichte. Lettische und deutschbaltische Architekten wie Michail
Eisenstein, Heinrich Scheel, Konstantin Peksens,
Eizens Laube, Wilhelm Bockslaff
und Janis Alkins sind nur eine kleine Auswahl
der einheimischen Baukünstler. Daneben wirkten in Riga auch bedeutende Ausländer
wie Eliel Saarinen aus Finnland und Henry van de
Velde aus Belgien. Am
Nachmittag stellte Mart Siilivask, ein
Denkmalpfleger aus Tartu, Beispiele aus Dorpat vor, so das Verbindungshaus
der Esten und das der Neobaltica. Aber auch
Beispiele aus Reval/Tallinn wurden gezeigt. Ants
Hein von der Akademie in Reval schilderte den Wiederaufbau von vielen 1905
zerstörten 64 Herrenhäusern in Estland. Diese waren eher durch den
Neubarock geprägt, als durch Jugendstilformen. L. Lauckaite-Surgailiene
von der Universität Vilnius sprach über die Architektur und Kunst um 1900
in ihrer Heimatstadt. Ein erstes Jugendstilgebäude in Vilnius ist eine
Villa von 1903. Es folgten die Staatsbank von 1905 sowie weitere Bauten bis
1914. Ebenso hat sich auch der Jugendstil in der Malerei und Grafik Litauens
manifestiert. Am
Sonntag referierte Silvija Grosa, Mitarbeiterin
der Rigaer Akademie, über Bauplastik und Kunstgewerbe um 1900 in Lettland.
Sie untergliederte die Bauplastik motivisch nach Beispielen von Architekten
und Bildhauern wie Karl Johann Felsko, August
Volz sowie Siegmund Otto. Im Kunstgewerbe verwies sie sie auf eine 1896
durchgeführte ethnografische Ausstellung in Riga. Sie zeigte Beispiele der
Keramik und des einheimischen Porzellans, aber auch Ausführungen im Bereich
des Möbelbaus. Zum Abschluss sprach Anne Untera,
Leiterin der grafischen Sammlung des Tallinner
Kunstmuseums, über Jugendstilgrafik in Estland. Sie stellte u.a. Christjan
Raud, Erich von Kügelgen
und Erik Obermann vor. In
der zusammenfassenden Diskussion wurde ein besonderer Schwerpunkt auf die
sogenannte nationalromantische Phase in den baltischen Staaten gelegt. Ein
engerer Zusammenhalt der Künstler aus den baltischen Provinzen war nur
gelegentlich vorhanden. In
den Pausen und den abendlichen Diskussionen im Brömsehaus
bei Kaffee, Kuchen und Buffet kam noch manch lebendiger Austausch zwischen
den Referenten und den Teilnehmern der Tagung zustande. Die Veranstaltung
war eine gelungene Begegnung von Esten, Letten, Litauern und Deutschen, die
zu einer besseren Kenntnis der Kultur um 1900 in den baltischen Staaten führte.
Alexander
von Knorre
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