59. Carl-Schirren-Tag 2008
Deutschbaltische Kulturtage 2008

  Die Carl-Schirren-Gesellschaft berichtet aus dem baltischen Geistesleben, 123. Folge  
s.a. BALTISCHE BRIEFE, Nr. 11(721), November 2008, Seite 19, 20.


Die 59. Deutschbaltischen Kulturtage (Carl-Schirren-Tag) vom 26. bis 28. September 2008 in Lüneburg boten den Teilnehmern viel Vertrautes und noch mehr Neues.

Nach der Eröffnung am Freitagabend im Glockenhaus durch den Vorsitzenden Prof. Dr. Michael Garleff hörten die Anwesenden einen sehr eindrucksvollen Vortrag "Der Komponist Johannes Masberg und sein Liedschaffen" von Cordula Scobel, deren Gesang in den Liedbeispielen von Franziska Kause am Klavier begleitet wurde.

Traditionell traf man sich anschließend in gemütlicher Runde im Ratskeller.

Bei der Mitgliederversammlung am Sonnabendvormittag hatte Prof. Garleff viel Neues zu berichten. Das aktuelle Mitgliederverzeichnis liegt fertig gestellt vor. Aber auch auf der Homepage hätte sich einiges getan. Neu fände man hier die Inhaltsverzeichnisse der letzten drei Jahrgänge des Jahrbuchs. Darüber hinaus hätte man erstmals auch die vielen Beiträge, die in der gedruckten Fassung des Jahrbuchs aus Platzgründen nicht veröffentlicht werden konnten, im Jahrbuch-Online Inter­essierten zugänglich machen können. Alle Artikel seien als PDF-Dateien herunterladbar, dennoch wolle man diese Beiträge aber auch in einer Broschüre veröffentlichen. Dieses Vorhaben wurde von den Mitgliedern begrüßt.

Weiter wolle die Schirren-Gesellschaft die Jugendarbeit wieder verstärkt aufnehmen, das sei nicht wirklich neu, doch dieser Bereich sei seit einigen Jahren in den Hintergrund gerückt. Der von der Gesellschaft erstmals abgehaltene Baltische Jugend- und Studentenkongress zum Thema "Das Baltikum im Europa des 21, Jahrhunderts - Voneinander lernen", der vor und mit den Kulturtagen stattfinde, sei ein großer Erfolg. Darüber hinaus werde Nils Hollberg in seiner Arbeit für die Deutschbaltiche Studienstiftung durch Detlef Henning unterstützt. Gewünscht sei hier eine enge Zusammenarbeit mit anderen Förderern.

Neues und vor allem Erfreuliches konnte auch Dipl.-Ing. Richard Westrén-Doll über das geplante Museum berichten. Mit dem Erwerb des Scharff'schen Hauses, Heiligengeiststraße 38, sei ein weiterer Schritt in Richtung Realisierung des geplanten Museums getan worden. Dieser Kauf sei deshalb von besonderer Bedeutung, da das Scharff'sche Haus als "Filetstück" jenes Grundstück, das sich bereits im Besitz der Deutschbaltische Kulturstiftung befindet, mit der Fußgängerzone verbindet. Dadurch bekäme das Museum eine extrem bessere Lage als bisher. Erreichbarkeit und Präsenz sei für die Frequentierung eines Museums von zentraler Bedeutung. Auch steige das bisherige Grundstück damit deutlich im Wert.

Darüber hinaus hätte man sich nach zähen Verhandlungen mit der Ostpreußischen Kulturstiftung (OKS) endlich auf eine auch für die Deutschbaltische Kulturstiftung und die Carl-Schirren-Gesellschaft akzeptable Satzung einigen können. Die Deutschbalten werden künftig einen Sitz im Kuratorium und einen Sitz im Vorstand des Museums innehaben. Nicht so erfreulich sei allerdings, dass das Ostpreußische Landesmuseum immer noch ohne Direktor sei. Beide Kandidaten, denen die CSG zustimmen konnten, seien abgelehnt worden.

Dipl.-Volkswirt Thomas von Lüpke zeigte in seinem Geschäftsbericht auf, dass der Finanzhaushalt der Carl-Schirren-Gesellschaft heute, trotz geringerer Mitgliedszahlen, nicht kleiner sei als vor zehn oder zwanzig Jahren. Im Weiteren ging auch er auf den oben erwähnten Ankauf des Scharff'schen Haus ein. Dieses Beispiel mache deutlich, dass insbesondere große, sinnvolle Projekte machbar sind. Zur Finanzierung arbeite man neu mit Herrn Fronius z;usammen, der im Bereich Fundraising tätig ist.

Hinter diesem. den meisten Anwesenden bis dahin unbekannten Tätigkeitsfeld steckt die professionelle Beschaffung von öffentlichen Mitteln und Stiftungsgeldern. Prof. Garleff ergänzte, dass ein größerer Betrag zur Förderung aus EU-Mitteln in Aussicht gestellt wurde.

Bei den sich anschließenden Wahlen unter Leitung von Andreas Riesenkampff wurde der bisherige Vorstand wieder gewählt. Lediglich Detlef Schmitz, dem Prof. Garleff in Abwesenheit für sein Engagement dankte, schied aus beruflichen Gründen aus. An seine Stelle als neues Mitglied im Vorstand tritt Detlef Henning.

Mit großem Enthusiasmus berichtete Prof. Dr. Gerhardt von Mickwitz von seinem Besuch beim 60. Jahrestag des Baltenvereins in Kanada. Mit 250 Teilnehmern sei die Veranstaltung beachtlich gut besucht gewesen. Eindrucksvoll sei das Interesse, gerade auch der zum Teil jungen kanadischen Deutschbalten, an den Vorträgen und Berichten zu historischen und anderen Themen, die sogar bis spät in den Abend gehalten worden seien, gewesen. Sehr lohnend sei die Festschrift in deutscher und englischer Sprache.

Mit etwas Luft und Zeit für persönliche Gespräche ging es weiter ins Brömsehaus. Hier konnten die interessierten Besucher, nach einleitenden Worten von Renate Adolphi, die Neuanschaffungen in den Ausstellungsvitrinen bewundern. Dr. Ilse von zur Mühlen eröffnete die Ausstellung von Werken Roderich von Engelhardt (1862-1934), der nicht nur Künstler, sondern auch Arzt und Wissenschaftler war. In einem bewegten Leben zwischen dem Baltikum, längeren Reisen ins Ausland und Kriegseinsätzen als Arzt habe Engelhardt verschiedenste Stilrichtungen, unter anderem Impressionismus und Jugendstil, angewandt. In den 30er-Jahren malte er vor allem baltische Motive. Engelhardts Bilder springen einen nicht an. Es ist nicht das .große Staunen, dass den Betrachter inne halten lässt. Es sind vor allem die feinen Details, die sich zu suchen lohnen, weil sie sich erst bei längerer Betrachtung erschließen.

In der Mittagspause genoss man die Sonne, die wie schon Tradition bei den Kulturtagen, Lüneburg von seiner besten Seite zeigte.

Die Stunde der jungen Generation, die traditionell vom Deutschbaltischen Jugend- und Studentenring gestaltet wird, stand am Nachmittag ganz im Zeichen des Baltischen Jugend- und Studentenkongress zum oben schon erwähnten Thema "Das Baltikum im Europa des 21. Jahrhunderts". Veranstaltet von der Carl-Schirren-Gesellschaft dankten die Organisatoren für die Unterstützung des Deutschbaltischen Jugend- und Studentenrings, der Deutschbaltischen Studienstiftung und des Deutsch-Baltischen Arbeitskreises Erziehung sowie für die finanzielle Unterstützung öffentlicher und privater Förderer. Details hierzu finden Sie auf  www.baltischer-kongress.de.

In einem bis auf den letzten Platz besetzten Glockenhaus präsentierten einige Kongressteilnehmer die Ergebnisse (Bitte lesen Sie hierzu den Bericht "Begegnungen auf den Spuren der Hanse"). Eindrucksvoll war die Intensität, mit der die jungen Teilnehmer aus Estland, Lettland und Deutschland komplexe Diskussionen in verständlichen Worten wiedergaben. Herzerfrischend waren die vielen jungen Gesichter der 65 Kongressteilnehmer, die die Freude an den gemeinsam verbrach­ten Tagen und an dem Interesse der überwiegend viel älteren Zuhörer widerspiegelten. "Von einander lernen", das Motto des Kongresses, stand an diesem Nachmittag nicht nur für den Austausch zwischen Deutschland und den baltischen Staaten, es charakterisierte ebenso den Dialog zwischen den Generationen, bei der regen Diskussion mit dem Plenum.

Dieser Kongress sei nur der Anfang, betonte Thomas v. Lüpke. Der nächste fände 2010 statt und dann immer im zwei Jahres-Rhythmus. Für 2009 ist ein vierzehntägiges Seminar mit einer Teilnehmerzahl von etwa 20 geplant. Auch dieser soll alle zwei Jahre stattfinden. Ange lehnt an die Strukturen des Deutsch-Französischen Jugendwerks möchte die Carl-Schirren-Gesellschaft die Deutschbaltische Studienstiftung zu einem Deutsch-Baltischen Jugendwerk ausbauen.

Der Gesellschaftsabend, erstmals im Castanea Resort Hotel stattfindend, begann mit einem einfühlsamen und doch virtuosen Klavierkonzert, dargeboten anstelle der erkrankten Silke Gorling von der Pianistin Mirjam Westphal aus Hannover, das die Zuhörer den Atem anhalten ließ. Langer Applaus und zwei Zugaben brachten den Zeitablauf und die Küche etwas durcheinander. Mit schwungvollen Klängen der Gruppe vis-a-vis wurde es eine ausgelassene und fröhliche Ballnacht, zu der ganz wesentlich die vielen Jugendlichen beitrugen. Es ist immer ein ganz besonderes Gefühl, wenn drei Generationen sich an Tourenwalzer und Française erfreuen.

Allen Nachtschwärmern zur Freude begann der Festakt am Sonntagmorgen erst um 11.15 Uhr. Auch nach vielen Jahren ist das Betreten des Fürstensaals im Rathaus der Hansestadt Lüneburg immer wieder ein erhabener Moment. Professor Garleff ging in seiner Begrüßung auf Siegfried von Vegesacks "Baltische Tragödie" ein. Aufgabe sei es, Brücken zu schlagen für und in einem vereinten Europa. Er zitierte den ehemaligen Staatspräsidenten Estlands Lennart Meri, der sagte, Kultur produziere Sicherheit, Kultur müsse den Zeitplan des Zusammenwachsens in Europa bestimmen. Oberbürgermeister Mädge hob die enge Beziehung Lüneburgs zum Baltikum hervor. Auch er betonte, wie wichtig es sei, Anteil an der Entwicklung in Europa zu nehmen. Es dürfe uns nicht egal sein, wie Europa zusammenwächst. Nicht nur für die Stadt, sondern auch für ihn persönlich sei die enge Beziehung zur Carl-Schirren-Gesellschaft von großer Bedeutung. Herrn Westrén-Doll dankte er für dessen ruhigen und doch engagierten Einsatz für das geplante Museum.

Tuve von Bremen überbrachte die Grüße des Präsidenten der Deutschbaltischen Ritterschaften. Für die Deutsch-Baltische Gesellschaft (ehemals Landsmannschaft) ist, so Jürgen von Boetticher, unter anderem das Museum als gemeinsames Ziel Ausdruck der Verbundenheit. Zwei Teilnehmer des Jugendkongresses überbrachten Grüße und Dank für das gemeinsame Erleben bei Arbeit und Feiern.

In seinem rhetorisch berauschenden und inhaltlich hochinteressanten Vortrag "Schleswig-Holstein und die baltischen Staaten - Der Weg zu einer neuen Ostsee-Kooperation" erläuterte Dr. Christian von Boetticher, Minister in der Landesregierung Schleswig-Holsteins, die offizielle Beziehung, aber auch seine persönliche Erfahrung mit den baltischen Staaten. Durch seine familiären Wurzeln und seine Arbeit in einem gemischt parlamentarischen Ausschuss in der EU zur Vorbereitung des Beitritts der baltischen Staaten sei sein persönliches Interesse am Baltikum heute sehr groß. Das politisch instabile System durch zu schnelle Regierungswechsel, vor allem in Lettland, mache eine Zusammenarbeit, die durch persönliche Kontakte erleichtert würde, besonders schwierig. Auf Bundesebene fänden die baltischen Staaten leider nur wenig Beachtung. Das sei in Schleswig-Holstein gänzlich anders, wo man aufgrund der verbindenden Lage an der Ostsee seit den 1990er-Jahren enge Kontakte aufgebaut hat. Zwar habe der Ostseeraum mit nur 3% am Welt-Brutto-Sozialprodukt oberflächlich betrachtet keine Wichtigkeit, die Steigerungsraten und die Innovationen seien aber außergewöhnlich.

Im Weiteren ging Dr. von Boetticher auf das unüberschaubare Geflecht von Netzwerken mit Schwerpunkt Baltikum ein, die sich aus der Duplizität der Aufgaben in Ländern, Bund und EU ergeben. Eines seiner Ziele sei, hier mehr Struktur herein zu bringen, um in einer Zusammenarbeit effizienter zu sein. Schleswig-Holstein zeige, dass gerade die Bundesländer mit den kleinen Staaten der EU enge Beziehungen aufbauen sollten, da der Bund sich vor allem um die großen kümmere.

Wer klein und arm ist, muss flink und schlau sein. So ständen heute in einem EU-Programm 300 Millionen Euro für den Ostseeraum zur Verfügung. Praktische Zusammenarbeit trüge mehr zum Zusammenwachsen in Europa bei als die Politik. Ziel sei ein Zusammenwachsen Europas nicht nur auf politischer Ebene. Dafür seien persönliche Kontakte von eminenter Bedeutung. Beeindruckend sei die Offenheit der baltischen Staaten gegenüber Deutschland. Veranstaltungen wie der Baltische Jugend- und Studentenkongress trügen dazu bei.

Mit einer sehr schönen Andacht, in der Superintendent i.R. Dr. Heinrich Wittram in seiner Predigt auf das Gefühl Heimat einging, und einem gemütlichen Kaffeetrinken im Brömsehaus gingen diese reichen Tage zu Ende.

Cornelia Lyra